Nachnutzbarkeit als Chance

Einblick in das Open-Source-Projekt "OpenCulturas"

Column

Dieser Artikel wurde 2024 von Moritz Steinhauer verfasst und erstmalig auf der Webseite von Region gestalten veröffentlicht.

Offene, nachnutzbare Software als Pflicht? Diese Förderbedingung war prägend für die Durchführung des Vorhabens kulturis. Die Projektumsetzenden sind überzeugt: Dieses Prinzip wird die langfristige Weiterentwicklung des Kulturportals sichern. Dieser Einblick zeigt, wie aus der Idee für eine regionale Kultur-Webseite innerhalb von nur vier Jahren eine überregional tätige Organisation erwachsen ist, die sich für die Nachnutzbarkeit und Weiterentwicklung einer Kulturportal-Software engagiert.

Das im Rahmen der Förderinitiative „Heimat-2.0“ realisierte Portal kulturis (Kultur in Südniedersachsen) legte dabei den Grundstein für die Entwicklung der Software OpenCulturas. Diese wurde im Rahmen des „Heimat-2.0 Ergebnistransfers“ in weitere Regionen überführt und hat inzwischen auch darüber hinaus Bekanntheit erlangt.

Die Kulturportal-Software OpenCulturas umfasst Veranstaltungskalender, Profile für Kulturschaffende und -organisationen, einen Kulturatlas für Veranstaltungsstätten, ein Magazin sowie Community-Funktionalitäten und wird aktiv weiterentwickelt. Weitere Informationen zu dem Funktionsumfang sind unter openculturas.org zu finden.

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Moritz Steinhauer

Vorsitzender des OpenCulturas e.V. | kulturis Projektleiter | Open Source Enthusiast

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Screenshot der Webseite Kisn.de im Jahr 2021
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Vom Corona-Projekt zum Modellvorhaben: mehr Sichtbarkeit für Kultur schaffen

Ausgangspunkt für das Vorhaben „kulturis“ war, dass inmitten der Corona-Pandemie in Südniedersachsen ein Web-Projekt mit dem Titel „KiSN – Kultur in Südniedersachsen“ entstand. Trotz geschlossener Veranstaltungsstätten sollten Kulturschaffende weiterhin sichtbar bleiben. So entstand eine virtuelle Bühne, die es Veranstaltenden und Kulturschaffenden ermöglichte, sich und ihre Kunst zu präsentieren. Schnell erwuchs der Wunsch, diese Plattform zu einem Kulturportal auszubauen und um weitere Funktionen zu erweitern. Die Förderinitiative „Heimat 2.0“ im Rahmen des Programms Region gestalten bot hierfür den perfekten Rahmen und so stellte die Kommune Einbeck stellvertretend für die Region Südniedersachsen einen Förderantrag – und erhielt die Möglichkeit, diese Idee umzusetzen!

Open-Source als Förderauflage und der „typische Gang und Tod eines Projektes“

„Die digitale Software-Lösung muss in geeigneter Form, die mit dem Zuwendungsgeber abzustimmen ist, für Dritte zugänglich sein, z. B. als Open-Source bzw. freie Software inklusive nachvollziehbarer Dokumentation.“

Was tun, wenn man eine solche Auflage in seinem Förderbescheid vorfindet? Im Dezember 2020 erhielten wir die Mitteilung, dass unser Vorhaben „kulturis“ als eines von 12 Modellvorhaben über die Förderinitiative „Heimat 2.0“ gefördert wird (2021 wurden vier weitere Modellvorhaben in einer 2. Staffel ausgewählt). Für den Landschaftsverband Südniedersachsen e. V., der mit der Projektdurchführung beauftragt wurde, war klar: Das ist keine Bürde – das ist eine Chance!

Denn zu oft schon hatten wir den folgenden (typischen?) Verlauf von großen, öffentlich geförderten (Technik-)Projekten aus der Ferne beobachten können:

Nach der Bewilligung von Fördermitteln werden freudig Aufträge vergeben, die formulierten Anforderungen werden umgesetzt und das Ergebnis kann stolz präsentiert werden. Spätestens mit dem Ende der Projektlaufzeit stellt sich dann die Frage der langfristigen Finanzierung und welche Möglichkeiten zum Weiterbetrieb bestehen. Reicht das Budget für Betrieb und Wartung von technischen Lösungen? Kann das Personal zur fortwährenden Betreuung gestellt oder finanziert werden? Können neben erforderlichen Wartungsarbeiten auch noch Fehlerkorrekturen, womöglich sogar innovative Weiterentwicklungen finanziert werden? Oder „stirbt“ das Projekt einen langsamen Tod und überdauert womöglich nur die von Fördermittelgebern vorgesehene Zweckbindungsfrist?

Für kulturis entschieden wir daher: Open-Source wird ein Teil unserer langfristigen Strategie zum Erhalt unserer Kulturplattform! Doch was bedeutete das konkret für uns?

Open-Source als Grundhaltung – es geht um mehr als die Veröffentlichung von Quellcode!

Open-Source steht zunächst einmal – vereinfacht gesagt – dafür, dass der Code, also die entwickelten Bestandteile einer Software, veröffentlicht wird und von anderen genutzt werden kann. Doch dies allein gewährleistet nicht eine langfristige Nutzbarkeit, denn Software muss fortlaufend aktualisiert werden, um sich weiterentwickelnden technischen Standards, Nutzungsszenarien und Sicherheitsanforderungen zu genügen. Ohne Beiträge aus dem Kreis der Nutzenden (der oft ehrenamtlich arbeitenden „Community“ eines Projektes oder einzelner finanzkräftiger Akteure) veraltet auch Open-Source-Software und ihr droht der oben beschriebene typische Tod eines Projektes.

Es braucht also eine Gruppe aktiver Nutzender, die an einer langfristigen Weiterentwicklung interessiert sind, um ein (Open-Source-)Projekt „am Laufen“ zu halten.

Neben dem Begriff „Open-Source“ wird auch oft von „freier Software“ gesprochen, wodurch zum einen die Freiheit zur Benutzung, Weitergabe, Untersuchung und Modifikation betont wird. Zum anderen schwingen hier aber auch viele Werte mit, welche für Mitwirkende an freien Softwareprojekten oftmals essenziell sind. So fordert die Initiative „Public Money - Public Code“ aus Gründen der Transparenz, Wirtschaftlichkeit und Gerechtigkeit seit Jahren, dass Software, deren Entwicklung mit öffentlichen Geldern finanziert wird, auch als freie Software veröffentlicht werden soll.

Gerade im Kultursektor ist Geld oft ein knappes Gut. Warum sollte also ein für Südniedersachsen entwickeltes Kulturportal nicht auch für andere Regionen nutzbar sein?

Schnell wurde auch deutlich, dass es für unseren Anwendungsfall noch keine Spezialsoftware gab, mit dem vorhandenen Budget aber auch keine Lösung von Grund auf neu geschaffen werden kann. Auch hier spielte uns ein Grundprinzip der Open-Source-Philosophie in die Hände, nämlich auf die Arbeit bestehender Projekte aufzubauen. Als technische Basis setzen wir auf das langjährig erprobte Open-Source-Content-Management-System (CMS) Drupal und erweiterten dies um viele Funktionen, die für den Kultursektor relevant sind. Durch den Einsatz von Drupal in etlichen anderen Kontexten existieren jedoch bereits viele für unseren Zweck nützliche Erweiterungen und eine große Community, die Drupal als technische Basis „für uns“ weiterentwickelt. Auf diese Arbeit konnten wir aufbauen und zugleich mit unserer Entwicklung von OpenCulturas auch selbst der Drupal-Community etwas zurückgeben.

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Fotomontage mit mehreren Screenshots von OpenCulturas auf einem Laptop und einem Smartphone. Oben links das OpenCulturas-Logo.
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OpenCulturas kann auch international eingesetzt werden und präsentiert sich entsprechend in der Drupal-Community. Englisch ist die Hauptsprache in der Entwicklung, neben Deutsch können auch eigne Übersetzungen ergänzt werden.

Die Grundhaltung, dass unsere Software auch in vielen anderen Regionen einsetzbar sein soll, war bei unseren Entscheidungen während der Entwicklung handlungsleitend.

Dies bedeutete auch, dass wir oftmals unsere Anforderungen hinterfragen und individuelle Wünsche zugunsten einer allgemein nutzbaren („generischen“) Lösung zurückstellen mussten. Dabei half uns, dass bereits früh ein zweites Projekt entschied, die von uns in Auftrag gegebene Software für ihre Zwecke zu nutzen und mitzugestalten. THEATRIS, das Portal für Freies Theater in Sachsen-Anhalt, brachte neue Perspektiven in die Softwareentwicklung ein und so wurde unsere Software durch zusätzliche Funktionen bereichert und für weitere Nutzungsszenarien angepasst.

Der Austausch und die Zusammenarbeit mit anderen Nutzenden ermöglichten es, die generische Software OpenCulturas zu erschaffen, die nur zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung nun bereits für sieben Webportale eingesetzt wird; Tendenz steigend.

Langfristigen Betrieb in Südniedersachsen sicherstellen: Check!

Der Förderzeitraum für das Vorhaben „kulturis“ endete im Februar 2024. Erfreulicherweise existiert die Plattform auch nach dem offiziellen Projektende weiterhin, sie wird technisch weiterentwickelt und die Nutzungszahlen steigen kontinuierlich. Damit dies auch langfristig so bleibt, haben wir vor allem zwei Dinge in die Wege geleitet:

  • Die Projektleitung des Vorhabens „kulturis“ ist weiterhin beim Landschaftsverband Südniedersachsen e.V. angestellt und kann die Betreuung der Aufgaben rund um das Kulturportal fortführen. Die Finanzierung dieser für den Landschaftsverband neuen und dauerhaften Aufgabe konnte dadurch gesichert werden, dass die kommunalen Mitglieder des Verbandes aufgrund des erfolgreichen Projektverlaufs zu einer Erhöhung ihrer Mitgliedsbeiträge bereit waren. Die personelle Kontinuität verhindert Wissensverluste und ermöglicht den weiteren Ausbau der durch langjährige Beziehungsarbeit aufgebauten Vertrauensbasis zu den Kulturschaffenden in der Region.
  • Es wurde ein langfristiger Wartungsvertrag mit einer Entwicklungsagentur geschlossen und ein jährliches Budget für den technischen Betrieb, Weiterentwicklungen und Fehlerbehebungen zur Verfügung gestellt.

Über die Region hinausgewachsen – das „Heimat-2.0 Ergebnistransfer“-Transfervorhaben und die Gründung des Trägervereins OpenCulturas e.V.

Doch auch über die Region Südniedersachsen hinaus wurden Weichen gestellt, um die Zukunft der Software OpenCulturas zu sichern, die im Rahmen des Vorhabens „kulturis“ entwickelt wurde.

Im Februar 2023 gründete sich der OpenCulturas e.V., der überregional die Weiterentwicklung der OpenCulturas-Software koordiniert und die einzelnen Nutzenden vernetzt. So werden Ressourcen gebündelt, OpenCulturas wird um neue Funktionen ergänzt, die Software wird bekannter und ein Austausch über deren zukünftige Ausrichtung ermöglicht.

Seit Juni 2023 wird der Landschaftsverband Südniedersachsen e.V. als Transfervorhaben im Rahmen der Förderinitiative „Heimat 2.0 Ergebnistransfer“ für weitere 26 Monate gefördert. Als sogenannte Patenregion begleitet sie die Übertragung der OpenCulturas-Software in zwei Transferregionen.

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Screenshot der Kulturplattform KultinO aus Ostfriesland
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In der Transferregion Ostfriesland wurde von der Ostfriesischen Landschaft das Kulturportal KultinO auf Basis von OpenCulturas entwickelt und Ende Oktober 2024 veröffentlicht. Die dabei geschaffenen neuen Funktionalitäten wurden in die OpenCulturas-Software überführt und stehen somit auch anderen Nutzenden zur Verfügung. Die Transferregion Ostheide baut mit Ausblick Kultur ebenfalls ein Kulturportal nach dem Vorbild von kulturis auf, setzt hierbei jedoch auf ein vereinfachtes technisches Angebot, welches in Zusammenarbeit mit dem OpenCulturas e. V. entwickelt wurde. Das sogenannte „Managed OpenCulturas“ ermöglicht es, eine voll funktionale und automatisch gewartete OpenCulturas-Instanz innerhalb kürzester Zeit aufzusetzen und sofort mit der Inhaltserstellung zu beginnen. Die Software kann auf diese Weise auch von kleineren Organisationen ohne die Beauftragung einer Entwicklungsagentur genutzt werden.

Darüber hinaus konnten zwei weitere Drittmittelprojekte eingeworben werden, durch die OpenCulturas weiterentwickelt werden kann. Zwei Webseitenprojekte, die OpenCulturas einsetzen, haben zudem weitere Funktionalitäten beigesteuert.

Im Rahmen mehrerer Treffen der Open-Source- und Drupal-Community wurde das Projekt vorgestellt und sich mit Agenturen und Einzelpersonen vernetzt, die sich für die Software interessieren. Bereits drei Mal wurden OpenCulturas-Projekte für Awards der Drupal-Community nominiert, 2024 erhielt KultinO eine der begehrten Auszeichnungen, die herausragende Webprojekte auf Basis von Drupal auszeichnen. Durch diese Aktivität wurde die Aufmerksamkeit für OpenCulturas erhöht und es konnten weitere Multiplikatoren gewonnen werden, die die Nachnutzung der Software ermöglichen.

Ein erstes Fazit nach vier Jahren: Open-Source spart Kosten, ermöglicht mehr Innovation, macht aber auch mehr Arbeit und erfordert Engagement!

Wir sind überzeugt: Für kulturis zahlt sich die von Beginn an verfolgte „Open-Source First“-Strategie langfristig aus. Neue Nutzende tragen dazu bei, dass die OpenCulturas-Software weiterentwickelt wird – und davon profitiert auch unser regionales Kulturportal. Der Austausch im Rahmen des Transfervorhabens und von Veranstaltungen des OpenCulturas e. V. ermöglicht es, voneinander zu lernen und gemeinsam zu entscheiden, wie „unsere“ Software sich weiterentwickeln soll. Zudem können so gemeinsam Drittmittel akquiriert, finanzielle Ressourcen effektiver genutzt und Doppelarbeiten vermieden werden. Das alles sind aus unserer Sicht Aspekte, die die Entwicklung der OpenCulturas-Software und deren Förderung mit öffentlichen Mitteln nachhaltig machen.

Es gehört jedoch auch zur Wahrheit, dass das Engagement für Open-Source-Software anfangs einen höheren Zeiteinsatz erfordert als die Entwicklung einer rein regionalen Lösung. Gleichzeitig profitieren andere Regionen, da sie auf bestehende Lösungen aufbauen können und dadurch Zeit sparen.

Open-Source muss man wollen und die Idee dahinter verinnerlichen: Wir brauchen nicht mehrfach dasselbe in leicht abgewandelter Form - wir brauchen starke Gemeinschaften, die an gemeinsamen Projekten arbeiten!

Wir sind sehr froh, dass alle Projektbeteiligten diese Werte teilen und blicken gemeinsam auf eine hoffentlich langfristige Zukunft für OpenCulturas.

Daher gilt unser Dank allen, die an dieser Reise beteiligt waren und sind:
GzEvD / CoWAIN für die initiale Entwicklung von kulturis, THEATRIS und OpenCulturas. LanZe für die Offenheit, mit uns gemeinsam OpenCulturas zu konzipieren und aus der Taufe zu heben. Brandcode für die Entwicklung von KultinO und die vielen kleinen und großen Beiträge zur Software. Den Mitgliedern des OpenCulturas e. V. für ihr Engagement und ihre Begeisterung, sowie den Mitgliedern des CMS Garden e. V. für ihr Feedback und vielfältige Beiträge zur Software. Der Förderinitiative „Heimat-2.0“ gebührt Anerkennung für die aus unserer Sicht zukunftsweisende Entscheidung, Open-Source als Förderbedingung zu setzen! Nicht zuletzt gilt der Dank aber auch dem Landschaftsverband Südniedersachsen e. V. für seinen entschlossenen Mut, ein solches Open-Source-Projekt ins Rollen zu bringen und für diese Idee einzustehen.

Im Artikel genannt

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Collage mit Kulturorten: Theater der Nacht Northeim, Schloss Bevern, Kino Lumiere, Europäisches Brotmuseum Ebergötzen, Künstlerhaus Göttingen, Rathaus Duderstadt

kulturis

kulturis ist DIE Onlineplattform für Kultur in Südniedersachsen. Seit Januar 2021 wurde unter der Regie des Landschaftsverbandes Südniedersachsen e. V. diese Plattform mit Veranstaltungskalender...

OpenCulturas e. V.

Der Verein hinter der Software

Wir organisieren und koordinieren die Pflege und Weiterentwicklung der Software OpenCulturas und machen Öffentlichkeitsarbeit für diese Lösung im speziellen und Open-Source-Software im Kulturleben im...