Vom Corona-Projekt zum Modellvorhaben: mehr Sichtbarkeit für Kultur schaffen
Ausgangspunkt für das Vorhaben „kulturis“ war, dass inmitten der Corona-Pandemie in Südniedersachsen ein Web-Projekt mit dem Titel „KiSN – Kultur in Südniedersachsen“ entstand. Trotz geschlossener Veranstaltungsstätten sollten Kulturschaffende weiterhin sichtbar bleiben. So entstand eine virtuelle Bühne, die es Veranstaltenden und Kulturschaffenden ermöglichte, sich und ihre Kunst zu präsentieren. Schnell erwuchs der Wunsch, diese Plattform zu einem Kulturportal auszubauen und um weitere Funktionen zu erweitern. Die Förderinitiative „Heimat 2.0“ im Rahmen des Programms Region gestalten bot hierfür den perfekten Rahmen und so stellte die Kommune Einbeck stellvertretend für die Region Südniedersachsen einen Förderantrag – und erhielt die Möglichkeit, diese Idee umzusetzen!
Open-Source als Förderauflage und der „typische Gang und Tod eines Projektes“
„Die digitale Software-Lösung muss in geeigneter Form, die mit dem Zuwendungsgeber abzustimmen ist, für Dritte zugänglich sein, z. B. als Open-Source bzw. freie Software inklusive nachvollziehbarer Dokumentation.“
Was tun, wenn man eine solche Auflage in seinem Förderbescheid vorfindet? Im Dezember 2020 erhielten wir die Mitteilung, dass unser Vorhaben „kulturis“ als eines von 12 Modellvorhaben über die Förderinitiative „Heimat 2.0“ gefördert wird (2021 wurden vier weitere Modellvorhaben in einer 2. Staffel ausgewählt). Für den Landschaftsverband Südniedersachsen e. V., der mit der Projektdurchführung beauftragt wurde, war klar: Das ist keine Bürde – das ist eine Chance!
Denn zu oft schon hatten wir den folgenden (typischen?) Verlauf von großen, öffentlich geförderten (Technik-)Projekten aus der Ferne beobachten können:
Nach der Bewilligung von Fördermitteln werden freudig Aufträge vergeben, die formulierten Anforderungen werden umgesetzt und das Ergebnis kann stolz präsentiert werden. Spätestens mit dem Ende der Projektlaufzeit stellt sich dann die Frage der langfristigen Finanzierung und welche Möglichkeiten zum Weiterbetrieb bestehen. Reicht das Budget für Betrieb und Wartung von technischen Lösungen? Kann das Personal zur fortwährenden Betreuung gestellt oder finanziert werden? Können neben erforderlichen Wartungsarbeiten auch noch Fehlerkorrekturen, womöglich sogar innovative Weiterentwicklungen finanziert werden? Oder „stirbt“ das Projekt einen langsamen Tod und überdauert womöglich nur die von Fördermittelgebern vorgesehene Zweckbindungsfrist?
Für kulturis entschieden wir daher: Open-Source wird ein Teil unserer langfristigen Strategie zum Erhalt unserer Kulturplattform! Doch was bedeutete das konkret für uns?
Open-Source als Grundhaltung – es geht um mehr als die Veröffentlichung von Quellcode!
Open-Source steht zunächst einmal – vereinfacht gesagt – dafür, dass der Code, also die entwickelten Bestandteile einer Software, veröffentlicht wird und von anderen genutzt werden kann. Doch dies allein gewährleistet nicht eine langfristige Nutzbarkeit, denn Software muss fortlaufend aktualisiert werden, um sich weiterentwickelnden technischen Standards, Nutzungsszenarien und Sicherheitsanforderungen zu genügen. Ohne Beiträge aus dem Kreis der Nutzenden (der oft ehrenamtlich arbeitenden „Community“ eines Projektes oder einzelner finanzkräftiger Akteure) veraltet auch Open-Source-Software und ihr droht der oben beschriebene typische Tod eines Projektes.
Es braucht also eine Gruppe aktiver Nutzender, die an einer langfristigen Weiterentwicklung interessiert sind, um ein (Open-Source-)Projekt „am Laufen“ zu halten.
Neben dem Begriff „Open-Source“ wird auch oft von „freier Software“ gesprochen, wodurch zum einen die Freiheit zur Benutzung, Weitergabe, Untersuchung und Modifikation betont wird. Zum anderen schwingen hier aber auch viele Werte mit, welche für Mitwirkende an freien Softwareprojekten oftmals essenziell sind. So fordert die Initiative „Public Money - Public Code“ aus Gründen der Transparenz, Wirtschaftlichkeit und Gerechtigkeit seit Jahren, dass Software, deren Entwicklung mit öffentlichen Geldern finanziert wird, auch als freie Software veröffentlicht werden soll.
Gerade im Kultursektor ist Geld oft ein knappes Gut. Warum sollte also ein für Südniedersachsen entwickeltes Kulturportal nicht auch für andere Regionen nutzbar sein?
Schnell wurde auch deutlich, dass es für unseren Anwendungsfall noch keine Spezialsoftware gab, mit dem vorhandenen Budget aber auch keine Lösung von Grund auf neu geschaffen werden kann. Auch hier spielte uns ein Grundprinzip der Open-Source-Philosophie in die Hände, nämlich auf die Arbeit bestehender Projekte aufzubauen. Als technische Basis setzen wir auf das langjährig erprobte Open-Source-Content-Management-System (CMS) Drupal und erweiterten dies um viele Funktionen, die für den Kultursektor relevant sind. Durch den Einsatz von Drupal in etlichen anderen Kontexten existieren jedoch bereits viele für unseren Zweck nützliche Erweiterungen und eine große Community, die Drupal als technische Basis „für uns“ weiterentwickelt. Auf diese Arbeit konnten wir aufbauen und zugleich mit unserer Entwicklung von OpenCulturas auch selbst der Drupal-Community etwas zurückgeben.